14 Juni 2019

Das Ende der Fernsehserie


Er verstand sich eher als kritischer Teil des Publikums denn als Fan, trotzdem hatte er jede Folge der Fernsehserie genossen und ihr baldiges Ende löste eine Gedankenkaskade aus, die abzuschätzen versuchte, ob es sich bei dem zukünftig abwesenden Quentchen Lebensfreude um den berühmten Tropfen handeln könnte, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Home Movies # 54: La Cérémonie, 1995, Claude Chabrol

The Art of Porn # 123: Lust

Science Fiction # 12: Neurogenic and Hormonal Pathways in Rage Reaction

Favorite Cartoons # 213: Krisenbewältigung

The Superhero # 147: Peter Parker

Illustration: Mark Brooks

This Island Earth # 70: Helpless

Übertragung und Gegenübertragung # 135: Freud vs Jean Harlow, 1935, Miguel Covarrubias

Damsels in Distress # 41: Psycho, 1998, Gus Van Sant

The Horror, the Horror # 32: Documenting the Takeover of Your Soul

Feminism Reloaded # 44: Das Abenteuer, heute eine Frau zu sein

Delusions # 182: Julie Delpy isst

Feed Your Head # 111: Christiane F.

25 April 2019

DB Sicherheit marschiert


Karfreitag gegen 22 Uhr. Nach einem österlichen Familienbesuch im nördlichen Niedersachsen warteten meine Freundin und ich auf dem S-Bahnhof Holstenstraße auf die S21 Richtung Elbgaustraße. Die Abfahrtszeit war mit 8 Minuten angegeben. Wir waren seit gut anderthalb Stunden unterwegs, müde, und sehnten uns nach der Ruhe der heimischen Küche und nicht zuletzt nach einer Zigarette zu einer guten Tasse Kaffee. Doch die durch Mangel an Wartung zunehmend willkürlichere Taktung des öffentlichen Hamburger Nahverkehrs meinte unsere Geduld auch diesmal strapazieren zu müssen. Die auf der elektronischen Anzeigetafel angegebene Wartezeit erhöhte sich zuerst auf 12, dann auf 18 Minuten. Entnervt und leise fluchend zogen wir uns auf das nicht überdachte, menschenleere Ende des Bahnsteigs zurück, um eine Zigarette zu rauchen, trotzdem aber die Anzeigetafel im Auge behalten zu können; die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Es dauerte nicht lange und wir sahen, wie sich uns drei körperumfanglich imposante Gestalten näherten, die in französischer Protest-Couture gehüllt waren, auf der die Bezeichnung „DB Sicherheit“ prangte. Die Zielstrebigkeit, mit der diese Kreuzungen aus Mensch und überfütterter Riesenwespe auf uns zukamen, ließ darauf schließen, dass sie uns schon vorher mithilfe der Bahnsteigkameras ausspioniert hatten. Der mächtigste der Drei baute sich vor uns auf und verlangte unsere Fahrausweise zu sehen, seine Kumpane deckten ihm den Rücken. Sowohl meine Freundin als auch ich sind im Besitz von Zeitkarten, hier war also kein Blumentopf zu gewinnen.
„Sie wissen, warum wir Sie ansprechen?“
Das hatte der Moment sein sollen, in dem uns ein kleinmütiges Schuldeingeständnis oder ein paar hilflos gestammelte Ausflüchte über die Lippen gingen. Wir aber betrachteten diesen gelben Koloss lediglich als die Zumutung, die er war.
„Nein“, sagte meine Freundin.
Daraufhin wurden wir über das Rauchverbot belehrt, dessen Übertretung mit 15 Euro Strafe pro Person geahndet würde, und wir könnten die Strafe sofort bezahlen oder man würde uns einen Zahlungsbescheid zusenden. Dazu müsste man aber unsere Personalien aufnehmen.
„Ich bezahl sofort,“ knurrte meine Freundin, zog ihr Portemonnaie aus der Tasche und hielt dem gelbgewindelten Riesenbaby zwei Zwanziger hin.
„Das können wir jetzt gar nicht wechseln!“ Er blickte sich hilfesuchend nach seinen Kollegen um, aber wo nichts ist, von da kann auch nichts kommen.
Meine Freundin fand zwei Fünfer in ihrem Portemonnaie, welches sie vor dem Koloss noch zurückreißen musste, weil der reflexartig nach den Scheinen zu greifen trachtete, und bezahlte meine und ihre Strafe.
„Ich mach hier auch nur meinen Job“, versuchte uns die lebende urinfarbene Zeltstadt erneut auf die zwischenmenschliche Ebene zu zerren, während sie Belege ausstellte, die wir gar nicht haben wollten. Aber wir sind in Deutschland hier. Die Möglichkeit, den Ort des Geschehens ohne einen Beleg zu verlassen, bestand zu keiner Zeit.
„Soll man dafür auch noch dankbar sein?“ fragte ich.
Meine zart gebaute Freundin, drei Köpfe kleiner, riss dem Koloss die Schuldbestätigungen aus der Hand, die dieser ihr und mir getrennt zu übergeben beabsichtigt hatte, und starrte ihn mit einer Abscheu an, die den Berg zum Wanken brachte.
„Ist noch was?“ fragte der.
„Ich hab kein Wort gesagt“, zischte meine Freundin.
„Ja“, stammelte er. „Aber es gibt ja auch nonverbale Kommunikation. Sie sind der Sender und ich Empfänger. Und der Sender entscheidet, wie es weitergeht.“
„Wenn’s mal so wäre“, höhnte meine Freundin.
Die gelbe Gefahr wandte sich ab, um eine Bahn in Richtung Hauptbahnhof zu besteigen und wünschte noch einen schönen Abend.
„Ha!“ machte meine Freundin.
„Da sehen wir’s wieder!“ flötete der kontrollierende Kommunikationswissenschaftler, sich noch einmal umdrehend, bevor er seinen Kumpanen in den Zug folgte, um andere Menschen zu belästigen.

Dreißig Euro sind viel Geld für uns. Der Verlust schmerzte, daran soll kein Zweifel sein. Zu gewinnen gab’s hier nichts. Die Macht blieb mächtig und die Ohnmacht ohnmächtig. Wir sind erniedrigt worden und wir hatten Angst. Was geschah, war lediglich, dass wir der Erniedrigung die Einsicht verweigerten und ihr die Zustimmung aufkündigten. Wir blieben unversöhnlich.

In dieser Nacht schliefen wir gut und tief und liebten uns innig am nächsten Morgen.

Und die Moral von der Geschicht’? Mit Nazis diskutiert man nicht!