13 März 2012

Filmnotizbuch # 5: J. Edgar, 2011, Clint Eastwood

Ich bin kein Freund von biopics. In der Regel banalisiert der biographische Spielfilm seinen Gegenstand wie das Erzählen selbst. Die Ereignisse eines Menschenlebens werden in eine Narration gequetscht, die dann aus Rücksicht auf das Faktische auf halbem Weg verendet. Das Ergebnis sind langweilige Filme mit fragwürdigem Inhalt, in denen ein Menschenbild propagiert wird, das vor Schicksalhaftigkeit nur so tropft.

Mir wird schon übel, wenn ich zuschauen muss, wie Johnny Cash der erlösenden Kraft der Liebe entgegenstiefelt. Von Maggie Thatcher will ich nur eins: sie hängen sehen.

Auch Clint Eastwood verrennt sich hoffnungslos, lässt Leonardo DiCaprio mit gefrästem Unterkiefer und Senioren-Makeup geschlagene zwei Stunden und fünfzehn Minuten J. Edgar Hoovers mehr oder weniger unausgelebter Homosexualität hinterherjammern. Verschwiegen wird nichts, erzählt leider auch nicht. Am Ende kann man König Lear nicht von Fips dem Affen unterscheiden.

Dem FBI, der Institution, dieser Brutstätte des Terrors hätte die ungeteilte Aufmerksamkeit gelten müssen. Aber das wagt nicht einmal Clint Eastwood.

Vampyr # 14: Sarah Michelle Gellar, Again

Advertising Film # 98: Brother's Justice, 2010, David Palmer / Dax Shepard

Die Kunst der Gehirnwäsche # 100: Bald sind wir alle Terroristen

The Cities # 65: Dunkle Gestalten

05 März 2012

Literaturkanon # 108: Übertragung. Gegenübertragung. Dritter Körper, 2007, Klaus Theweleit

„Der Fötus nimmt aber nicht nur die Stimme der Mutter wahr, er hört auch ihre Körpergeräusche, Darm, Pulsschlag, ihren Atemrhythmus, ihre Körperbewegung, die Rhythmik ihres Ganges. Die Mutterleibsgeräusche erreichen bis 84 Dezibel, das entspricht städtischem Straßenlärm. Ohne solche Gewöhnung würde das Baby nach der Geburt vermutlich an unerträglicher Lärmzufuhr sterben. Puls, Atem und Gang sind aber nicht nur körperliche Abläufe, sie finden sich parallel in den Abläufen von Musik. Das Ungeborene ‚versteht’ Musik, weil sie die Physiologie des Mutterkörpers nachbildet. Weil sein eigenes Pulsieren mit dem Pulsieren des Körpers, der ihn umfängt, entsteht. Dem Herzrhythmus entspricht in der Musik das Metrum, ,der Beat’; dem Atemrhythmus die Phrasierung und die Modulierung der Stücke. Während im Melodieverlauf und den Abläufen der Harmonik der ständige körperliche Wechselvorgang von Spannung und Entspannung wiederholt, bearbeitet, verändert, ‚verschoben’ wird.
Der Reiz der rhythmischen Verschiebungen, der Synkopierungen, besteht damit u. a. darin, vom ,Mutterbeat’ abzuweichen, eigene Wege entlang zu stolpern. Jede Abweichung, jede Verzögerung des erwarteten Lustgefühls, ist ein Stück Körpererweiterung und später Welterweiterung, Erprobung eines neuen Terrains. Marschmusik (wie alle Musik, die den Viertelbeat mit Betonung auf eins und drei durchzieht) wäre von daher ,kontraphobisch’; eine Selbstversicherung, nicht vom Herzschlag des Trägertiers verlassen zu sein. Körper, die auf Marsch- oder die entsprechend gebaute Schlagermusik abfahren, haben sehr wahrscheinlich ein Fötalstadium in Angst hinter sich. Sie erleben den Simpelbeat nun als ,Versicherung’ gegen diese, blühen also auf, fühlen sich angstfrei und ‚legen los’. (Vorsicht geboten).“

Klaus Theweleit: Übertragung. Gegenübertragung. Dritter Körper. Zur Gehirnveränderung durch die Medien. Köln 2007. S. 8-9.

Moments in Comics # 141: One Last Kiss (Ghosts #102), 1981, Joe Gill / Tony DeZuniga

With Purity and Holiness # 18: Beim Arzt

Gespenster der Geschichte # 95: John Hinckley, Jr.

Home Movies # 27: They Saved Hitler's Brain, 1969, David Bradley

Celluloid Dreams # 7: The Naked Eye

29 Februar 2012

No One Here Gets Out Alive # 182: Erland Josephson, 1923-2012

Erland Josephson und Liv Ullmann in Scener ur ett äktenskap (1973) von Ingmar Bergman

14 Februar 2012

Literaturkanon # 107: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit, 1985, Alexander Kluge (zu dessen 80. Geburtstag)

"CARMEN, EINE WERTANLAGE. Sie heißt eigentlich Mucki Schäfer und ist als Prostituierte eine spezialisierte Fachkraft. Jetzt ist sie 22 Jahre alt, mit 38 wird sie verbraucht sein. Ihre Zuhälter Tigges und Herrschenröther stellen ihr das unverblümt vor Augen. Als Wertanlage hat Mucki Schäfer ihre Manager 118.000 Mark Abstand bei Erwerb gekostet, hiervon 32.000 (d.h. der Wert eines Luxus Kraftwagen Lotus Europa Special) Anzahlung. Um rentabel zu sein, muß Frl. Schäfer zwischen ihrem Alter von 22 Jahren und ihrem Alter von 38 Jahren 58.400 Kunden abfertigen. Dies brächte theoretisch, wenn sie, abzüglich ihrer Selbstbehalte auf den Bruttopreis, 100 DM für jeden Kunden an Tigges und Herrschenröther abliefert, 5.840.000 DM. Es gehen aber noch pro Jahr 30 Tage für Urlaub, Sonntage, Erholung ab. Wird sie krank, werden die Ausfalltage auf die 30-Tage-Pauschale für Erholung angerechnet. Dies bedeutet 16 Jahre mal 30 Tage mal 10 Kunden ä 100 DM ist gleich 480.000 DM. Verbleiben 5.360.000 DM Rückflüsse.
Es ist immer zu wenig Zeit für richtige Arbeit am Kunden, obwohl doch insgesamt 16 Jahre zur Verfügung stehen. Mucki Schäfer hat einen Hirtenhund. Den Hund streicheln, ihm etwas zu fressen geben, ihn einmal kurz angucken (alles dies setzt bereits voraus, daß Tigges ihn Gassi führt und nicht Mucki), bedeutet über 16 Jahre hochgerechnet, denn falls er stirbt, besorgt Mucki sich einen neuen, einen Verlust von 600.000 DM. Herrschenröther legt Hundegift aus, in der Hoffnung, daß der Tod des Hundes Mucki so leid tut, daß sie auf Neuanschaffung eines Hundes verzichtet. Wird von Mucki überführt. Sie weiß aber keine Strafen.

Mucki besitzt eine schwarze Kasse, in die sie kleine Geldsummen abzweigt.

Das System der Strafen, wenn Mucki nicht pariert, insbesondere sich nicht an die Zeiten hält. Die Strafen beruhen darauf, daß Grundlage von Muckis Beruf Vorstellungsvermögen ist. Daher hat sie eine Begabung für Angst. Also sind Strafen: Badezimmer-Verbot, die Gefahr einem Verrückten oder einem Dilettanten ausgeliefert zu werden; dagegen funktioniert einfacher »Liebesentzug« nicht."

Alexander Kluge: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Frankfurt am Main 1985. S. 71-72.

Fuck Off # 4: Abgang mit Bezügen

Favorite Cartoons # 151: Die Promi-Charaktermaske und ihr Preis

Vampyr # 12: Dracula-Ausgabe des Carl Hanser Verlags, 1967, ausgestattet von Uwe Bremer

Monstren, Mumien, Mutationen # 2: The Creature from the Black Lagoon