25 Juni 2015

No One Here Gets Out Alive # 399: Patrick Macnee, 1922-2015

Let There Be Nightmares


Viel zu lange schon hatte es getan, was von ihm verlangt worden war. Es hatte sich in wattigen Wölkchen abgestrampelt, deren weißer Dunst ihm die Orientierung raubte. Es hatte das lächerliche Postkarten-Azur ertragen und diesen ewiggelben Feuerball, der seine genügsamen Strahlen auf den von Wellen umplätscherten Palmenstrand hinunterrotzte. Es hatte genug. Es hatte mehr als genug. Es hatte die Schnauze gestrichen voll. (Es glaubte zu fühlen, wie sich die Härchen auf seiner Haut aufstellten. Aber natürlich spielten ihm seine Sinne einen Streich. Es hatte keine Haut. Noch nicht.) Es seufzte (es hatte Angst), und das Seufzen gebar den Schrei. Es sträubte sich ein letztes Mal und ließ sich dann in die Dunkelheit fallen. Möge der Alptraum beginnen.

24 Juni 2015

Ohne Titel


An der Luft getrocknet
bist du mir
und fein geraten.

Trotzt dem harten Schicksal,
Tod
und meinesgleichen.

18 Juni 2015

Sprachgewalt # 13: Dracula, 1897, Bram Stoker


Bram Stokers 1897 erschienener Roman Dracula gehört noch immer zu den am meisten unterschätzten Werken der Weltliteratur. In literaturgeschichtlichen Abhandlungen weiterhin als Schauerroman abqualifiziert und in die Gattung der gothic novels gestopft, entgeht den meisten Gelehrten im Dienste der Kanonisierung, dass Sujet und Ausführung des Romans im Zentrum der Moderne zu verorten sind und mit mittelalterlichem Geister-Hokuspokus oder der Doppelgängerbeschwörung der Romantik überhaupt nichts zu schaffen haben. Dracula erzählt die Geschichte eines gesellschaftlichen Paradigmenwechsels – des endgültigen Sieges der bürgerlichen Weltanschauung über das Selbstverständnis des Absolutismus mit Hilfe neuer Technologien und Medien – und erschafft mit der Figur des Vampirs eine mächtige Metapher; ein modernes psychosexuelles Mischwesen, dessen erwachsene (hetero- wie homosexuelle) Objektbeziehungen sich nur mit Elementen des Infantilen (das Nähren von einer anderen Person) und Pränatalen (Blut) beschreiben lassen. Man könnte auch sagen, nie fanden Marx und Freud näher zueinander als hier.