09 Januar 2017

Elphi


Nun muss endlich Schluss sein mit Gemecker und Kritik. Kein Wort mehr von Korruption, Vettern- und Misswirtschaft. Es gibt eine Lichtshow zur Eröffnung und das Fernsehen überträgt live. Jetzt sollen wir uns freuen und staunen wie die Kinder. Die Regression des Vokabulars gibt den Ton vor. Die Elbphilharmonie heißt jetzt Elphi. Die Marketingschnösel und deren journalistische Lakaien von Springer bis zum NDR lassen schon sprachlich keinen Zweifel daran, dass bei der Eröffnung des überteuerten Musiktempels in der Hafencity ein neues Hamburger Wahrzeichen gefeiert wird, das eher touristischer und repräsentativer Standortpolitik als dem Kunstgenuss dienen soll. Die chronisch unterfinanzierten Hamburger Museen und Theater als beispielsweise Kunsthällchen oder Schauspielhausi zu bezeichnen, erblödet sich noch niemand. Aber wer weiß? Würde man auch hier BMW, SAP, der HSH Nordbank oder wem immer es sonst noch nach einem „Sponsoring nach Maß“ gelüsten sollte „eine Partnerschaft auf Augenhöhe“ anbieten, in der „(j)edes Engagement (...) auf die individuellen Interessen abgestimmt“ wäre, „um einen optimalen Beitrag zur Erreichung der Unternehmensziele zu leisten“, machte vielleicht nicht nur Elphi bubu, dann ginge alles balla balla. 

Picture Poems # 37: Frühes Transistorradio

Das Bilderbuch des Wahnsinns # 120: Unsere wichtigsten Intellektuellen

20 Dezember 2016

Eine Armee enttäuschter Hoffnungen


Oh, dieses erbärmliche Leben! Was wird da nicht alles erträumt an Liebe, Glück und Gold oder wenigstens an Abwesenheit von Mangel, Schmerz und Angst. Es gibt Industrien, die diese Träume füttern, in geheimen Bürotrakten herumwuselnde Agenten, die sie in die richtigen Kanäle leiten, und bewaffnete Söldner, die sich um die Abweichler und Unbelehrbaren kümmern. Denn erfüllen tut sich nichts und das soll auch so bleiben. Schließlich nährt sich ein ganzes System von den enttäuschten Hoffnungen der verschuldet Geborenen. Firmengeschäft und Seelenverlust - wie im Song. Das Bedingungslose wird selbst - oder besser: gerade - von den gesellschaftlich Denkenden verworfen: Wert und Arbeit und das ganze Krakeele von Entwicklung und Fortschritt. Mir scheint Marx an dieser Stelle Schall und Rauch, nicht etwa weil er irrte, sondern weil sich die Relevanz seiner Werttheorie mittlerweile historisch überlebt hat. Wir sind schon so weit entwickelt und fortgeschritten, dass wir nicht mehr wissen, wo Barthel den Most holt. Vielleicht werde ich ja nur von trade-unionistischem Bewusstsein umgetrieben, möchte aber trotzdem meiner Annahme Ausdruck verleihen, dass, wer Ausbeutung und Entfremdung niemals am eigenen Leib gespürt hat, nichts weiß von der damit einhergehenden Verzweiflung und sich vielleicht deshalb der Dringlichkeit der Störung dieser Prozesse nicht genügend bewusst ist. Dabei besteht eine der wesentlichen Aufgaben aller im Geiste der Zivilisation tätigen Intellektuellen darin, den dem falschen Bewusstsein zuarbeitenden Unwahrheiten, die nicht zuletzt mithilfe der Massenmedien verbreitet werden, entgegenzuwirken. Leider verdrängt die Furcht, dem Bürger als Ungeheuer zu erscheinen, zur Zeit die Einsicht in die Notwendigkeit radikaler Ideologiekritik. Schade. Dabei sollte mittlerweile eigentlich jedem intelligenten Menschen klar sein, dass der Kapitalismus seine Schuldigkeit getan hat. Man muss seiner Entwicklung nicht weiter förderlich sein. Man muss ihn nur noch abschaffen.