24 Juli 2014

Literaturkanon # 113: Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 1951, Theodor W. Adorno

"Grau und grau. - Auch ihr schlechtes Gewissen hilft der Kulturindustrie nichts. So objektiv ist ihr Geist, daß er seinen eigenen Subjekten ins Gesicht schlägt, und so wissen denn diese, die Agenten alle, Bescheid und suchen, durch Mentalreservate von dem Unfug sich zu distanzieren, den sie anstiften. Das Zugeständnis, daß die Filme Ideologien verbreiten, ist selber schon verbreitete Ideologie. Sie wird administrativ gehandhabt in der starren Unterscheidung zwischen den synthetischen Tagträumen einerseits, Vehikeln zur Flucht aus dem Alltag, »escape«; andererseits wohlmeinenden Produkten, die zu richtigem sozialen Verhalten ermuntern, eine Botschaft zustellen, »conveying a message«. Die prompte Subsumtion unter escape und message drückt die Unwahrheit beider Typen aus. Der Spott gegen das escape, die standardisierte Empörung über Oberflächlichkeit, ist nichts als das erbärmliche Echo des alteingesessenen Ethos, das gegen's Spiel wettert, weil es in der herrschenden Praxis nicht mitspielt. Nicht darum sind die escape-Filme so abscheulich, weil sie der ausgelaugten Existenz den Rücken kehren, sondern weil sie es nicht energisch genug tun, weil sie gerade so ausgelaugt sind, weil die Befriedigungen, die sie vortäuschen, zusammenfallen mit der Schmach der Realität, der Versagung. Die Träume haben keinen Traum. Wie die Technicolorhelden nicht eine Sekunde vergessen lassen, daß sie Normalmenschen, getypte Prominentengesichter und Investitionen sind, so zeichnet sich unter dem dünnen Flitter der schematisch hergestellten Phantastik das Skelett der Kino-Ontologie unmißverständlich ab, die ganze anbefohlene Werthierarchie, der Kanon des Unerwünschten und Nachzuahmenden. Nichts praktischer als escape, nichts dem Betrieb inniger anverlobt: es wird in die Ferne entführt nur, um aus der Distanz die Gesetze empiristischer Lebensführung ungestört von empirischen Ausweichungen ins Bewußtsein zu hämmern. Das escape ist voller message. So sieht denn auch message, das Gegenteil, aus, das vor der Flucht fliehen will. Es verdinglicht den Widerstand gegen Verdinglichung. Man muß nur Fachleute rühmen hören, dies prächtige Leinwandwerk habe neben anderen Meriten auch Gesinnung, im gleichen Tonfall, in dem einer hübschen Schauspielerin attestiert wird, außerdem habe sie personality. Die Exekutive könnte auf der Konferenz bequem entscheiden, es müsse nebst kostspieligerer Komparserie dem escape-Film ein Ideal eingelegt werden wie: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Losgetrennt von der immanenten Logik des Gebildes, der Sache, wird das Ideal selber zu einer, aus dem Fundus zu beschaffen, damit greifbar und nichtig zugleich, Reform abstellbarer Mißstände, verklärte Sozialfürsorge. Am liebsten verkünden sie die Wiedereingliederung von Trunkenbolden, denen sie noch den armseligen Rausch neiden. Indem die nach anonymen Gesetzen sich verhärtende Gesellschaft dargestellt wird, als reichte in ihr der gute Wille zur Abhilfe aus, wird sie verteidigt noch im ehrlichen Angriff. Man spiegelt eine Art Volksfront aller recht und billig Denkenden vor. Der praktische Geist des message, die handfeste Demonstration dessen, wie es besser zu machen sei, paktiert mit dem System in der Fiktion, daß ein gesamtgesellschaftliches Subjekt, das es als solches in der Gegenwart gar nicht gibt, alles in Ordnung bringen kann, wenn man nur jeweils sich zusammensetzt und über die Wurzel des Übels ins Reine kommt. Man fühlt sich ganz wohl, wo man so tüchtig sich bewähren kann. Message wird zum escape: wer bei der Säuberung des Hauses, in dem man wohnt, fest zugreift, vergißt darüber, auf welchem Grunde es gebaut ward. Was im Ernst escape wäre, der bildgewordene Widerwille gegen das Ganze bis in die formalen Konstituentien hinein, könnte in message umschlagen, ohne es auszusprechen, ja gerade durch hartnäckige Askese gegen den Vorschlag."

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main 2012. S. 230-231.

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