23 Mai 2015

In eigener Sache


Anfang des Jahres ging ein Raunen durch die Blogosphäre. Google plante die Durchsetzung einer Richtlinie, die „sexuell eindeutige“ Inhalte und die Darstellung „sexuell expliziter Nacktheit“ auf der konzerneigenen Plattform Blogger, auf der auch Welten in Welten erscheint, verbot. Wenige Tage später ruderte der Konzern zurück und versprach, die Richtlinie nicht umzusetzen, da sich im Feedback eine Mehrheit der Blogbetreiber dagegen ausgesprochen hätte und besonders Nutzer,  die „explizite Inhalte veröffentlichen, um ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen“, unter der neuen Richtlinie leiden würden. Homophobie-Vorwürfe machen sich nicht gut im Konzern-Portofolio und Google war sich sicherlich auch darüber im klaren, dass ein Blog-Exodus Richtung Tumblr für Blogger der erste Schritt in Richtung Nirgendwo gewesen wäre. Dieser Kelch ist also an uns vorbeigegangen. Aber weitere werden folgen, dessen kann man sich sicher sein. Das primäre Ziel, das ein Wirtschaftsunternehmen wie Google verfolgt, ist und bleibt die Akkumulation von Kapital. Solange wir diesem Ziel dienlich sind, legt man uns freundlich den Arm um die Schulter. Sollten wir aufhören diesem Ziel dienlich zu sein oder es gar stören, wird man uns abschießen. Die wunderbare Welt des Kapitalismus: Komplex ist hier eigentlich gar nichts!

Das künstlerische Konzept von Welten in Welten folgt dem Prinzip des Scrapbooks: Bilder und Texte werden gesammelt, gelegentlich kombiniert, kommentiert und Kategorien zugeordnet, um schließlich im gelungenen Fall wie eine Bibliothek zu funktionieren, die der Erinnerung als Archiv und der Inspiration als Materialsammlung dient. Zu diesem Zweck muss selbstverständlich neben selbstproduzierten Texten und Bildern vor allem auf mediale Fundstücke zurückgegriffen werden. Juristisch bewegt sich der Blog damit allerdings auf gefährlichem Terrain. Die in den letzten Jahrzehnten vehement vorangetriebene Ausdehnung des bürgerlichen Eigentumsbegriffs auf die Produkte geistiger Arbeit ist schließlich von derselben Rücksichtslosigkeit beseelt, mit welcher der Kapitalismus sich einst die materiellen Ressourcen und Güter auf diesem Planeten aneignete. Noch mag beispielsweise die Kulturindustrie die ungefragte Verbreitung ihrer meist sowieso zu Werbezwecken hergestellten Bilder und Texte dulden und als virales Marketing verbuchen, aber das kann sich sehr schnell ändern. Die zunehmende Konventionalisierung und Automatisierung des Sprechaktes, an der Plattformen wie Facebook, Twitter, WhatsApp oder Google+ so emsig arbeiten, spricht auf der Meta-Ebene schließlich auch von einem Kapitalismus, der nicht nur die öffentliche Meinung sondern die menschliche Kommunikation selbst nach Belieben zu manipulieren und zu kontrollieren wünscht.

Welten in Welten wird also in unveränderter Form weitergeführt, solange man mich lässt. Um aber den Launen der Corporations nicht hoffnungslos ausgeliefert zu bleiben, habe ich auf Wordpress einen weiteren (transferierbaren) Blog eingerichtet, der sicherstellen soll, dass im Notfall zumindest meine selbstproduzierten Inhalte der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Der Blog heißt Bärenbeisser und alle Interessierten sind zum Stöbern, Lesen und Betrachten herzlich eingeladen.


The Time Is Now # 40: Viktoria Kovacs - Vasen und Zeichnungen

Police on My Back # 13: US Police Killings Nationwide, January 2014 - April 2015

19 Mai 2015

Acapulco


„Wo du bist, ist Acapulco.“ (Werbeslogan)

1
Er war nicht aus Wohlfahrtsgründen Kommunist. Er hatte eine Idee von der Welt, in der er leben wollte, und diese Welt war kommunistisch. Was andere von dieser Idee hielten, war für ihn eigentlich nur von pragmatischem Interesse. Sie würden sich fügen müssen oder mit ihm gemeinsam untergehen, so sah er das. Auch wenn er sich sträubte aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, im Grunde verstand er Stalin ganz gut.
Er war kein Wahrsager. Er wusste nicht, was die Zukunft bringen würde. Wenn es gut lief, schüttelten die Völker dieser Erde den Kapitalismus ab, schickten die psychotische Klasse in Therapie und schlossen sich endlich zu der Gemeinschaft zusammen, die einem freien sittlichen Vernunftwesen gemäß war. Wenn es schlecht lief (und es bestand ernsthafter Anlass zur Sorge), würde die Menschheit solange unter der Knute militärisch-terroristisch gestützter Oligarchien darben, bis die letzten Reste sozialer Intelligenz in Massengräbern vor sich hinfaulten. Sozialismus oder Barbarei hieß die Losung, daran führte kein Weg vorbei.

2
Wie hatte es soweit kommen können? Wann war der Mensch zum Vieh geworden? Aber vielleicht durfte man die Frage so nicht stellen. War er je etwas anderes gewesen? Lag es nicht in seiner Natur zu grasen, bis das Raubtier kam, um dann entweder abzuhauen oder sich zerfleischen zu lassen?

3
Seit sie weg war, ging nichts mehr. Die Leere hing ihm wie ein Sack am Körper. Ihm war schlecht. Er hatte Mühe den Kaffee drin zu behalten. Seine Augenlider waren geschwollen und eiterten. Er überlegte das Haus nicht mehr zu verlassen und darauf zu warten, dass sie die Tür eintraten, um den letzten Rest von ihm unter ihren Füßen zu zertrampeln. Seine Mutter hatte recht gehabt, er würde in der Gosse enden. Nichtsdestotrotz: Sein Kadaver würde geschrubbt sein und die Prothesen poliert. Darauf konnten sie einen lassen, die Wichser!

This Island Earth # 53: Ex Machina, 2015, Alex Garland