01 September 2015

Missouri


All das ist nichts wert, obwohl es mir die Welt bedeutet. Nur Plunder für die Nachwelt im Falle meines Ablebens, und der Tag wird kommen. Vielleicht findet irgendein Sammler das eine oder andere gesuchte Stück, das soll’s dann auch gewesen sein. Ein Verlustgeschäft, alles in allem. Aber wie man ins Klo pisst, so spritzt es zurück. Ich bin nicht auf Geschäfte aus, jedes Gejammer bliebe folgenlos, also verkneife ich mir die Klage.
Der Weg war weit bis hierhin, wegsames und unwegsames Gelände, allein und in Gemeinschaft, liebend und kämpfend, konfrontativ und taktierend. Es hätte schlimmer kommen können, bei Betrachtung dessen, was möglich ist, aber viel, viel befriedigender ausfallen müssen. Die Unlust überwog und, ja, ich finde, jemand sollte dafür zahlen.

Nun auf die Augen und in Bewegung den Kadaver. Gar nicht so einfach nach leichter Nacht mit viel Substanz. Zwanzig bin ich keine mehr und bedarf der einen oder anderen Krücke. Ich mache mein Kreuz an geeigneter Stelle und lasse den Blick schweifen. Am Horizont ziehen Wolken auf, aber besser wird’s nicht. Bring sie nach Missouri, Matt.
Rattenrennen gleich vor der Haustür schon. Verhärmtes im Büroschick (schrieb erst „chic“, ist hier aber zu französisch zart) stöckelt stieräugig entschlossen an mir vorüber, geschlechterkampferprobt, Brunhilde gegen die Krawattenmänner, kein Blumenstrauß hier heute oder sonst wann, geschweige denn Wissen, Erkenntnis, Emanzipation, das war Ihr Leben, der Rest wird Schweigen sein und, seien wir ehrlich, das ist gut so. Gelärmt wird schon genug. Die Individualisten der Blechkistenarmee, Homunkuli jahrzehntelanger korrupter Verkehrspolitik, malträtieren meine Nerven mit ihrem Motorengeheule, Gehupe und Gestank und ich halluziniere mir eine Stampede riesiger japanischer Plastikmonster herbei, die den staugestählten Bewegungsdrang dieser menschlichen Amöben unter sich zerquetscht.

Ungeduldig scharren die Hufe. Ein letztes Aufbäumen, dann kapituliert der Eigensinn vor der Dressur. Den Leib durchschießt ein heißes Kribbeln und es schreit und wimmert, kreischt und jault so hoffnungsvoll und jammerfroh, dass mir fast das Kotzen kommt. Leben zieht an mir vorbei und Häuser, in denen nur Verzweiflung brüten kann. Love me tender, love me sweet, never let me go. Im Geiste Auschwitz’ dichtgedrängt nuckele ich am Pappkaffee und zwinge mich zur Ruhe. Ein Coyote heult, Banditen glotzen und drüben sitzt sogar ein Stadtindianer. Facebook, WhatsApp und Bild Online, der Rest drückt bunte Flecken weg. Hält man den Mund geschlossen, bleibt der Staub draußen. Es quatschen nur noch die, die gar nichts mehr zu sagen haben.

Abilener Tor, ich spring vom Zug, nun seltsam sehnsüchtig, sentimental. Do not forsake me, oh my darling. Es geht hoch und hoch und durch und wieder runter. Das Empfinden kreist panzernd um sich selbst und die Sinne proben die Barrikade. Abenteuer braucht Abstumpfung. Der Angriff kommt von allen Seiten. Die Verlierer lärmen mit Blastern, das Junk-Food mufft und die Zeilen schlagen nur so um sich. Trotz Vorsicht und treffsicherer Abwehr verfehlt nicht jeder Pfeil sein Ziel und manchmal sind sie vergiftet. Ich taumele hinaus, in Deckung, lege gierig Feuer und sauge hastig Blut aus Zigaretten. Wie immer rast die Zeit, liebkost den Mangel. Irgendwas muss schließlich auf der Strecke bleiben. I only know I must be brave or lie a coward in my grave.

Die Straße ruft meinen Namen. Ich verschweige den ihren, auf dass das Vergessen sie verschlingen möge. Adorno und seine Gang reiten vorbei. Möglichkeiten explodieren links und rechts und es regnet Pflastersteine. Trotzdem kein Licht am Ende des Tunnels. Die Posse umringt mich, ich schieß mir den Weg frei. Es trifft mich von hinten, ich geh auf die Knie. Nur ein Kratzer, Mama, das bedeutet nichts. Die Welt färbt sich rot mit meinem Blut.

11 August 2015

Anfang und Ende - Drei Texte

Zeichnung: Thorsten Tenberken


Der Deserteur
Er hockte auf dem Plateau und schaute sich das Gemetzel aus der Vogelperspektive an. Es gab gewaltige Verluste dies- und jenseits aller Fronten. Den Überlebenden würde es später leid tun. Aber das war nicht mehr sein Problem. Er riss sich die Uniform vom Leib und stieg in die Klamotten, die er von der Wäscheleine des Bauernhofs geklaut hatte. Grobe Arbeitskleidung, etwas weit, aber es ging. Die Pistole steckte er hinten in den Hosensaum, so dass sie von der Jacke verdeckt wurde. Dann verbrannte er alle Papiere, die er bei sich trug, begrub die Uniform und das Gewehr. Er warf einen letzten Blick auf das Schlachtengemälde, drehte sich seufzend um und ging. Er hatte seine Befehle.

Die Zurückgebliebene
Ihr war langweilig. Die Jungs waren alle fort. Lachend, unter dem jubelnden Abschied des gesamten Dorfes waren sie davongezogen in ihren schneidigen Uniformen. Schick hatten sie ausgesehen, zum ersten Mal in ihrem Leben. Fritzchen hatte, als er sie zum Abschied küsste, eine Hand unter ihren Rock geschoben und sie gestreichelt.
Vor denen, die zurückkommen, werden wir uns hüten müssen, sagte Großmutter. Was das heißen sollte, blieb unklar. Großmutter quatschte viel, wenn der Tag lang war.

Nahkampf
Sie schmetterte ihren Fuß auf die linke Hand des Agenten, als würde sie ein lästiges Insekt zertreten. Unter der Gummisohle ihres Stoffturnschuhs brachen die Finger wie trockenes Holz.
Der Agent lag bäuchlings auf dem Boden. Seiner rechter Arm war unnatürlich abgewinkelt. (Die Schulter war gebrochen). Selbst wenn er jetzt noch an die Waffe herangekommen wäre, hätte er sie nicht mehr ergreifen oder gar abfeuern können. Trotzdem kickte sie die Pistole in die gegenüberliegende Ecke des Zimmers. Sicher war sicher.
Sie drehte den vor Schmerz schreienden Mann auf den Rücken, ließ sich rittlings auf dessen Bauch nieder und zertrümmerte mit bloßen Fäusten seinen Brustkorb, bis sie sicher war, dass ihn jedes Leben verlassen hatte.

The Blues # 89: Leadbelly

Kunstlicht # 196: Le rêve de l'androgyne, 1938, René Magritte

Animal Life # 89: The Wildlife Naming Fund

A Second Skin # 66: Coat

The TV Screen # 158: True Detective - Season 2, 2015, Nic Pizzolatto

Das Wesen der Kunst # 164: Bob Dylan bespielt das Studio

06 August 2015

No One Here Gets Out Alive # 400: Coleen Gray, 1922-2015

Coleen Gray und John Wayne in Red River (Howard Hawks, 1948)

04 August 2015

Dunkeldenker


The following takes place forever and ever. (Das Trauma kennt weder Ort noch Zeit). The events occur in real time. Aber was ist real? Die Höhe des Tellerrandes, über den hinauszuschauen so schwierig scheint, ist nur zu einem geringen Anteil übermäßiger Bequemlichkeit geschuldet. Überall ist Krieg. Selbst in diesen Zeilen. Da gibt es kein Entkommen. Oder gerade. Stichwort: Kunstgenuss.

Verliebte Kommunisten. Eden. Der Schlachthausfreund. Mit mir nicht mehr. Männer, die Süßigkeiten essen. Mama, Papa, Palimpsest. Visuelle Erstickungsanfälle. Wundengedächtnis. Ich tat dir gut, als ich dich schlafen sah. Du erwachtest, küsstest mich und sagtest Kaffee.

Die Hoffung auf Bergung weiterer Leichen sinkt. Die Erinnerungen sind verschwommen und zu Brei verklebt. Wohnungen und Hinterhöfe, in denen man verbotene Dinge zu tun glaubte. Dabei tat man nur, was vorgesehen war. Verbote müssen zumindest sporadisch übertreten werden, um wirksam zu bleiben. Dass ein Jedes seine andere Seite hat, sollte sich eigentlich herumgesprochen haben. Das Feld, das wir sie haben bestellen lassen, hat reife Früchte getragen. Jetzt ist es ihnen zu klein geworden. Ihr Triumphgeheul setzt die Welt unter Dampf. Sie sprechen. Wir hören zu. Sie haben alles. Wir haben nichts. Überall dort, wo dem „Mut zu unpopulären Maßnahmen“ gehuldigt wird, wünsche ich Detonationen zu vernehmen. Ich glaube nicht mehr an einen friedlichen Wandel. Armut ist teuer.

Wie sanft das Licht fällt und die Ratten rennen. Die Verhältnisse tanzen. Strukturell zwischenmenschliche Grausamkeit. Freundschafts- und Liebeskonflikte, die ganze Welt der Affekte von hell bis dunkel. Unsichtbare. Zwischenzonen. Verschwundene Realitäten. Gegenwirklichkeit. Die Kunst, eine zusammen zu rauchen. Die Bewegung der Assoziation wider die Macht der Dissoziation.

Die Welle kommt. Es ist zwar ein bisschen so, als würde man von Lummerland aufs Meer hinausschauen. Aber das ist schon okay. Die Fähigkeit zur Kapitulation ist eine der stärksten Waffen im Kampf ums Dasein. Ich wünschte nur, euch würde schmerzen, wie mir es tut.

Farewell Notes on the Human Condition # 21: Montag, der 13. Juli 2015 - Drei kleine Schweinchen bejubeln das Ende der Demokratie in Europa

Essential Films # 254: Marfa Girl, 2012, Larry Clark

28 Juli 2015

Essential Films # 253: Plein soleil, 1959, René Clément

The Truth Needs To Be Told # 151: Kekse


Bei Zeit, Lust und Laune sei dem werten Leser die Lektüre der Facebook-Kommentarseite zum Foto via des obigen Links empfohlen. Hier präsentiert sich nämlich der zunehmend verwirrte Geisteszustand der bundesrepublikanischen „Öffentlichkeit“ in Hochform.
So erklärt der Nazi, der glaubt, er wäre keiner, den Flüchtling schlicht zum Paradoxon: Wer noch genug Mittel und Kraft hat, um es bis hierher zu schaffen, dem kann es so schlecht gar nicht gehen. Nur wer brav daheim bleibt, um tapfer zu verhungern oder sich stolz massakrieren zu lassen, hat ein Recht auf das tief empfundene Mitgefühl des deutschen Michels.
Nicht weniger verschroben argumentiert eine ebenfalls die Plakataktion missbilligende Gruppe, die ihren „Antirassismus“ von politischen Störgeräuschen wie zum Beispiel der Kapitalismuskritik reinzuhalten wünscht: Die Kommentatoren geißeln das „Banker-Bashing“ als angeblichen Antisemitismus (so ganz rein ist ihr „Antirassismus“ also nicht), können vor lauter moralischer Integrität kaum noch atmen und sind ganz allgemein, überhaupt und irgendwie gegen „den Hass“.
Fair is foul, and foul is fair. Die Propagandamaschine läuft wie geölt. Man könnte heulen, müsste man nicht damit rechnen, gestreichelt zu werden.

Meanwhile at the Frontier # 56: Wyatt Earp, 1923

A Second Skin # 65: Hüte