22 Dezember 2015

Reibeisen


Doktor Reibeisen war eher für seine überschäumende Rede als den Scharfsinn seines Vortrags bekannt, was ihn aber auch diesmal nicht daran hinderte, sich mit theatralischer Inbrunst ins Geschehen zu werfen. Frau Stoßzahn saß wie immer in der ersten Reihe und versuchte, sich kein Tröpfchen des intellektuellen Sprühregens entgehen zu lassen. Es gab immer wieder Leute, die sie für die eigentliche Schurkin und ihn lediglich für ihren exekutiven Lümmel hielten, aber Bärenbeisser sah die Dinge anders. Sein Verhältnis zu Frau Stoßzahn war immer indifferent, sogar misstrauisch geblieben, während er Reibeisen gegenüber freundschaftliche Gefühle gehegt hatte, sodass dessen Verhalten in seinen Augen erheblich schwerer wog als das ihre.
Einführungsreden zur Kunst pflegte Reibeisen seine mehr oder weniger regelmäßig in der Galerie Kreuzwege stattfindende Aneinanderreihung von modischen Worthülsen zu nennen, deren rücksichtslose Anordnung trotz ausgiebigen Griffs in die Zitatenkiste (hier ein bisschen Schiller, dort ein wenig Quantenmechanik) ohne Struktur oder gar Erkenntnisgewinn blieb und, teils aus Unvermögen, teils aus Denkfaulheit, auch bleiben wollte. Schließlich diente das ganze Geschwafel ausschließlich der Blendung der Ahnungslosen und folgte ganz offensichtlich eher karrieristischen Zielen.
Bärenbeisser hielt sich dezent im Halbschatten der Säulen des ehemaligen Fabrikgebäudes, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er mochte Reibeisens Aktivitäten mit einer Art von fasziniertem Ekel verfolgen, aber an einer Konversation hatte er nicht das geringste Interesse. Die Wunden waren noch immer nicht verheilt, obwohl das letzte Treffen bereits Jahre zurücklag. Das mochte auch der Grund sein, warum der Widerwille bereits nach wenigen Minuten jede Form von Neugier abschüttelte und Bärenbeisser aus dem dunklen Etablissement in die warme Junisonne flüchten ließ, wo selbst der sonst so gehasste Verkehrslärm sich wie Balsam auf seine Sinne legte.

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